Kendo-WM: Gewaltige Energien werden frei

Vom 25. bis 27. Mai fand die Kendo-Weltmeisterschaft im italienischen Novara statt. Sechs Kenshikanis haben sich das Spektakel nicht entgehen lassen und wurden mit großartigen Kämpfen und einer Atmosphäre belohnt, die man sonst in unserem Sport nicht findet. Auch wenn das Turnier frei nach dem Schema „… und am Ende gewinnt Japan“ ablief, blieb es bis zum Schluss spannend – und unheimlich lehrreich.

Aber gehen wir den Höhepunkt des heurigen Kendo-Jahres aus Vereinssicht von vorne durch. Nachdem mit Beatrix, Doris und Luca gleich drei von uns im Nationalteam vertreten sind, haben wir bereits Anfang des Jahres herumgefragt, ob jemand heuer zur WM mitfahren möchte. Dass das Event so nahe an Österreich ausgetragen wird, ist eine Seltenheit. Die Chance, hautnah dabei zu sein, wird nicht mehr so oft kommen. Mit zwei vollbepackten Autos (immerhin hofften wir auf das „Free Keiko“ nach den ersten beiden Wettkampftagen) düsten wir zehn Stunden über heimische und italienische (teure!!!) Autobahnen, bis wir am Abend vor den Wettkämpfen in unserem Hotel aufschlugen. Gleich wurde ein Lokal in der Nähe inspiziert, wo zwei Mitglieder des montenegrinischen Nationalteams und zwei französische Supporter, davon ein ehemaliger Teamkämpfer, speisten. Trotz des zweifelhaften Namens (übersetzt „Im Loch des Esels“) war es durchaus lecker.
Fotos von der WM gibt es übrigens wie immer hier: http://kenshikan.at/fotos

Los geht’s

Aber nun zum wichtigen Teil, der Kendo-WM. Den Anfang machten am Freitag die Herren im Einzelbewerb. Luca Prayer (Kenshikan), Philip Geiger (Kendo Tirol), Kai Chen und Christian Lettau (beide WKV) durften antreten. Leider schaffte es nur Phil aus dem Pool hinaus. Nicht nur unsere Jungs (und am nächsten Tag Mädels) hatten einen Fanclub dabei (neben uns kamen auch Stefan vom WKV, Rudi und Andreas aus Graz, sowie Sabine, Markus, Richard und Corny aus Vorarlberg). Korea marschierte mit einer regelrechten Fan-Armee auf, die Italiener hatten natürlich Heimvorteil und damit die zahlen- und lautstärkenmäßige Überlegenheit auf den Zuschauerrängen.

Die Kämpfer gaben unter diesen Bedingungen alles. So eine Intensität und Energie sieht man sonst nie. Insbesondere die Matches Korea gegen Japan hatten es in sich. Beide Halbfinale waren bereits mit Kämpfern aus den beiden Rivalen-Nationen besetzt, je einer setzte sich durch, so dass die klassische Schlacht zwischen den Ländern erneut im Finale ausgetragen wurde. Im Endeffekt besiegte der All-Japan-Meister Takanabe den Koreaner Kim in der Verlängerung mit einem bombigen Tsuki. (Video von Kendo World)

Im Anschluss des reichlich spät abgeschlossenen Turniers gab es dann freies Training für alle. Der kleine Schock daran: Nur 20 Minuten. Vier von uns rannten zum Auto, rissen den Kofferraum auf, zogen uns mitten am Parkplatz um und dann rein ins Getümmel. Ich vergaß dabei sinnvollerweise meine Kontaktlinsen. Kurz ausprobiert, den Men über die Brille zu ziehen und dann doch dazu durchgerungen, halb blind zu kämpfen – vielleicht kann ich ja den inneren Zatoichi in mir wecken. Vier Kämpfe gingen sich in der kurzen Zeit aus, davon haben drei ganz gut geklappt, der eine Kerl aus Taipei war mir dermaßen überlegen, dass er selbst (wohl aus Langeweile) recht bald abgebrochen hat. War dennoch sehr lehrreich.

Damen-Tag

Am zweiten Tag waren die Damen an der Reihe. Einzel- und Teamfights an einem Tag? Wir waren bereits in der Früh skeptisch, dass der Zeitplan eingehalten werden würde. Um es gleich vorweg zu nehmen: Unsere Erwartungen wurden diesbezüglich übertroffen. Statt um 18:00 Uhr endete der Tag in der Halle um 21:00 Uhr. Wenn die Kendo-WM in drei Jahren noch größer werden sollte (47 Länder waren diesmal dabei), sollte man wohl auf vier Wettkampftage erweitern. Unsere Mädels (Manuela, Marianne, Sarah und Vanessa) kämpften wacker im Einzel, allerdings reichte es leider nicht für den Aufstieg. Die besten Chancen hatte noch Manu, die ihren zweiten Poolkampf mit zwei wunderbaren Men-Treffern in kürzester Zeit gegen die Belgiern Pollet entschied. Im Teambewerb gab es zwei harte Nüsse: Deutschland und Taipei. Beide waren dann doch zu stark, die Deutschen wurden im Endeffekt Dritte. Dennoch hielten sich unsere Damen wacker und konnten auch Punkte herausholen. Wir können stolz auf die Verbesserungen der intensiven Trainings sein und sind schon gespannt, was die erfolgreiche Aufbauarbeit in den nächsten Jahren noch bringen wird!

Beeindruckend war der Viertelfinalkampf Frankreich gegen Korea. Die Französinnen hatten in Vorbereitung auf die WM bereits längere Zeit mit den Koreanerinnen trainiert, wird erzählt. Das Match war dann auch bis zum Schluss hochspannend. Obwohl es um viel ging riskierten die Kämpferinnen viel und griffen mit voller Energie an. So etwas sieht man einfach gern. Das Finale machten sich übrigens wieder Japan und Korea aus. Die Damen kämpften mit einer Schnelligkeit, Intensität und technischen Versiertheit, die vielen Jungs bei uns auch gut täte! Ich nehme mich dabei gar nicht heraus. Die Lösung: Mehr Training!

Hier einer der Treffer im Team-Finale der Frauen (Danke an die ZNKR):

Finale

Beim Herren-Teambewerb zeichnete sich ein langer, intensiver Wettkampftag ab. Unsere Burschen hatten Irland und Litauen im Pool. Gegen letztere war es eine klare Sache. Acht tolle Punkte zeigten, dass auch die Jungs sich erfolgreich auf die WM vorbereitet hatten. Leider hatten die Iren dann noch ein Wörtchen mitzureden. Obwohl Österreich in jedem einzelnen Kampf punkten konnte, gewann Irland mit drei zu zwei Kämpfen. Dennoch sollten sich unsere Teammitglieder jetzt nicht genieren oder ärgern. Die Leistung war durchaus in Ordnung. Natürlich gibt es Verbesserungspotenzial, aber es wäre ja fad, wenn es das nicht gäbe.

Ratespiel: War das hier ein gültiger Punkt? Die Schiedsrichter waren zumindest der Ansicht.

Das K.O.-System war dann von Nervenkitzel gekennzeichnet. Italien lieferte sich ein spannendes Match gegen die USA. Erst ein Entscheidungsmatch der beiden Taishos (USA: Yang, Italien: Giannetto) brachte den Amerikanern den Sieg. Fast wie in einem Hollywood-Streifen. Auf einer der anderen Kampfflächen (insgesamt gab es vier) kämpfte sich Ungarn gegen einen starken Gegner nach dem anderen durch. Nach einem spannenden Pool-Match gegen Großbritannien besiegten unsere Nachbarn noch Australien und die ehemaligen Halbfinalisten Brasilien. Damit war Ungarn (Aufstellung: Toth, A. Dubi, Babos, Kiraly, S. Dubi) nun selbst im Semifinale und damit sicher auf dem dritten Platz. Der nunmehrige Gegner Japan erwies sich dann doch als deutlich überlegen. Das musste er auch, denn im Finale wartete Korea, das gegen die starken USA knapp gewonnen hatte. Hier beide Halbfinalmatches (Danke an die ZNKR):

Das Finalmatch riss beide Lager (Korea- und Japan-Fans) von den Stühlen. Aber mehr wegen dem, was auf dem Spiel stand, als wegen dem Gebotenen. Das Damenfinale am Vortag war etwas spektakulärer. Japan spielte nach den Führungstreffern auf Sicherheit, insbesondere Takanabe als Taisho. Ein Unentschieden reichte ihm für den Sieg und genau das lieferte er auch. Für mich persönlich war der Chucken, Shodai, beeindruckend. Sauflinkes Jodan, immer in Bewegung, lockere Fußarbeit. Da hab ich wieder etwas, worauf ich hinarbeiten kann.

Erlebnis der Extraklasse

Alles in allem war die 15. Kendo-WM eine großartige Erfahrung für alle, die hingefahren sind. Die drei Tage in der stickigen Halle haben sich trotz der Strapazen und teils nicht ganz nachvollziehbaren Organisation bezahlt gemacht. Für die Kämpfer wiegten ein paar diskussionswürdige Schiedsrichterentscheidungen negativ aus. Aber unter diesem Problem leiden alle Teams, wie sich auch im Finale gezeigt hat.

Es hat sich aber wieder einmal gezeigt, dass es sich auszahlt, seinen Hintern in Bewegung zu setzen und für Kendo ein paar (hundert) Kilometer zurückzulegen. Man lernt dermaßen viel neues kennen und sprüht nachher voller Ideen und Tatendrang. Ich kann mich nicht oft genug wiederholen: Fahrt auf Lehrgänge, Wettkämpfe oder einfach auf Besuch bei Kendoka in anderen Ländern. Ungarn bietet sich immer an. Europameister und nun auch auf WM-Ebene das beste europäische Land. Eine gute Gelegenheit ist der 20. Hungary Kendo Cup, der (inklusive Seminar) vom 18. bis 22. Juli in Budapest stattfinden wird. Details wird es demnächst unter diesem Link geben.

Die Ergebnisse im Detail

 

Bewerb

Datum

1. Platz

2. Platz

3. Platz

3. Platz

Herren Einzel 25.5. Susumu Takanabe Wan-Soo Kim Kosuke Furukawa Tae-Hyun Kim
Damen Einzel 26.5. Yoko Sakuma Kana Kurokawa Sayuri Shodai Mana Kawagoe
Damen Team 26.5. Japan Korea Brasilien Deutschland
Herren Team 27.5. Japan Korea Ungarn U.S.A.