Sueno-Seminar 2011: Ein Rückblick

Wieder pilgerte die Kendogemeinde quer durch Österreich, um etwas Besonderes zu erleben: Ein Seminar mit Sueno Sensei, Hanshi, 8. Dan. Für alle, die‘s noch nicht wissen: er ist der geliebte Lehrer von Kamemoto Sensei. Die Vorfreude im Auto wurde allerdings kurz getrübt – als uns ein Warnanruf eines Pilgerkollegen erreichte, hatten wir den Stau schon gefunden… Darum haben wir uns nach sechseinhalb Stunden leicht groggy direkt ins (blaue) Zeug geworfen und uns zum Welcome Keiko eingefunden.

Kamemoto Sensei leitete es und ließ uns das Programm Kririkaeshi, Men, Kote, Kote-Men, Hikiwaza und Uchikomi durchlaufen, bevor es eine halbe Stunde Jigeiko gab. Sueno Sensei beobachtete, was seit dem letzten Seminar bei uns eingesickert ist.

Danach haben wir die Zimmer bezogen – die Location ist sehr praktisch, Wohneinheiten, Kantine und Trainingshalle in einem Haus. Drum ist die Halle auch gut ausgebucht, weshalb wir die Ausrüstung leider weder in der Halle noch in der Garderobe lassen konnten. Im Gang vor den Zimmern bot sich daher ein Stillleben in verschiedenen Blau-Schattierungen – auch olfaktorisch waren die Eindrücke breit gefächert 😉 Wobei man schon beobachten konnte, wer auf sein Zeug achtet, z.B. auf die korrekte Form des Men (zu sehen vor dem Zimmer der J-Ladies), und wer das Stinkezeugs möglichst bald aus den Augen-aus dem Sinn haben wollte und es schnellstmöglich aufs Fensterbrett geschupft hat… Ja, wir haben auch wieder einen kurzen Exkurs von Sueno Sensei bekommen, dass man immer auf die Etikette – Reiho – achten sollte, auch außerhalb des Trainings, auch weil man nie weiß, was für Fotos oder Videos im Internet auftauchen werden…

Lob vom Sensei

An nächsten Tag ging‘s dann los mit dem offiziellen Programm: Sensei lobte die Fortschritte seit dem letzten Seminar und teilte uns in Gruppen ein: Nationalteam Männer, Nationalteam Frauen, alle anderen. Wobei alle Gruppen das selbe Programm absolvierten, dem Team aber extra noch ein bissl eingeschenkt wurde (Schneller, größer, lauter – wenn ihr so weitermacht, werdet ihr keinen Ippon bekommen…).

Ich will jetzt Senseis Inputs nach Themen zusammenfassen – nicht chronologisch.

Einen der wichtigsten Punkte zuerst: Wir setzen viel zu viel Kraft ein! Nur direkt beim Treffer sollten wir Energie aufwenden, sonst möglichst locker sein – bei guter Körperhaltung, natürlich! Ein Shinai wiegt nicht mehr als eine kleine Wasserflasche oder ein Krügel, nur sieht man uns das nicht an 😉

Suburi

Bei den Jogeburi darf die rechte Hand nicht verrutschen. Die Haltung der Hand muss immer „kirite“ („schneidende Hand“) sein, das heißt, das Handgelenk ist gerade in einer natürlichen Position, nicht abgeknickt oder angewinkelt. Wenn der Schlag auf Menhöhe unterbrochen würde, müsste ein perfekter Men herauskommen.

Men-Suburi: Bein Ausholen darf sich der Winkel zwischen rechtem Unterarm und Shinai nicht ändern. Obwohl wir im Kampf meistens kleine Techniken anwenden, holen wir bei den Suburi groß aus, um zu lernen, welche Muskelgruppen wir verwenden müssen. Wenn wir bei den Suburi zu klein ausholen, wird durch die Schwerkraft der obere Muskelstrang aktiv (Beuger), und wir drücken von oben aufs Shinai. Holen wir hingegen über den Kopf aus, kippt das Shinai durch die Schwerkraft nach hinten, Trizeps und untere Muskelstränge werden aktiviert (Strecker), und wir ziehen das Shinai vor Richtung Men. Beim Men-Treffer ist die rechte Hand etwas unter Schulterhöhe, das ergibt, wenn wir einem gleichgroßen Gegner bis zum Ohr durchschneiden, eine optimale Kirite-Handhaltung. Wenn wir die Ellbogen beim Schlag durchstrecken, geht die Energie nicht ins Monouchi, und die Shinaispitze wird tot.

Kraftverteilung zwischen den Händen und Fingern: Es heißt immer, dass man vor allem die linke Hand, und da vor allem den kleinen Finger verwenden sollte. Allerdings hat Sensei nach einer Verletzung des linken kleinen Fingers festgestellt, dass effizienterweise alle Finger beider Hände zum Einsatz kommen müssen.

Sayumen: Es wird immer unterrichtet, genau in der Schlagbahn wieder auszuholen. Sensei holt nach etwa dem halben Weg direkt in die Mitte über den Kopf aus.

Kiai vor Angrif

Nicht alle Luft rauslassen und dann vor dem Angriff noch einmal schnaufen und mit weniger Energie schlagen! Sondern mit dem Kiai die Bauchmuskeln aktivieren, die Arme lockern, ein ohne Verlust der Spannung ein bisschen Luft nachtanken, und dann beim Schlag einen noch lauteren Kiai machen. Man kann die Energie besser in den Bauch drücken, wen man statt Jaaaaa Iijaaa ruft.

Kleiner Exkurs der Fagottistin: Nach dem ersten Kiai wendet man die sogenannte Reflexatmung an: Wenn man die Spannung der Bauchmuskeln beibehält und den Mund öffnet, strömt automatisch ein bisschen Luft in die Lunge, die sich natürlich wieder ausdehnen will. Das sollte genügen.

Kirikaeshi

Die Übung muss einen Rhythmus haben: Anfangskiai, Energie stauen, erster Men: Kiai dauert etwa so lang wie vier Sayumen! Nach den Sayumen (5-11, ungerade Zahl) das Shinai über den Kopf springen lassen, mit langem Kiai (wie erster Men) langsam ins Kamae gehen, auf die Haltung achten. Das selbe noch mal, dann Men mit durchgehen.

Der Motodachi bestimmt das Tempo der Beinarbeit und die Zahl der Sayumen, je nach Kondition des Kakarite. Während Anfänger langsam und korrekt schlagen sollen, soll das Team lauter, größer, schneller, schärfer schlagen – mit der ganzen Energie, die nach etwa sieben Sayumen erschöpft ist. Sensei schlägt mit seinen 62 Jahren fünf Sayumen.

Übung: ein Men vorwärts über die ganze Hallenbreite, mit 5-7 sehr schnellen kräftigen Sayumen zurück zum Ausgangspunkt. Hierbei nicht auf Schönheit achten. In dem Fall bestimmt der Kakarite das Tempo. Das ganze dient der Muskelstärkung.

Men

Kiai, in die richtige Distanz, Men schlagen, rasch durchgehen! Zanshin ist die beste Verteidigung, wenn man schnell ist, kann der Gegner nicht mehr korrekt treffen! Wenn man aus Angst vor Gegenschlägen zögert, wird man langsamer, das erhöht die Wahrscheinlichkeit, getroffen zu werden. Die Distanz muss mit Beinarbeit überbrückt werden. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Arbeit der Arme und der Beine: Wenn man den rechten Arm vorstreckt, wird der Fumikomi um ca. 20 cm kürzer, und das Zanshin artet in ein quälendes Gehoppel aus.

Nach dem Treffer sofort Kraft aus dem Armen nehmen. Die Arme nicht hochreißen: Der Winkel von Oberarm und Rumpf bleibt unverändert, durch das rasche Nachziehen des linken Beins sieht es so aus, als würde sich der Arm heben. Das Shinai springt zurück auf einen Winkel von etwa 60 Grad – etwa so: / . Die linke Hand muss aber in Kirite-Stellung bleiben, das Handgelenk darf nicht angewinkelt werden, um das Shinai hochzureißen!

Kleiner Men: genügend ausholen, damit der Schlag scharf wird. Den Kontakt zwischen Shinai und Men kurz halten, das Shinai nach dem Treffer nicht nach vorne schieben! Es mag bei Hochgraduierten so aussehen, aber tatsächlich springt das Shinai in die Höhe, und durch die schnelle Beinarbeit scheint es, als ob sich das Shina am Men nach vorne schieben würde.

Kleine Kendoka müssen aufs Mengane der größeren Gegner zielen, nicht auf den Scheitel. Denn dann würde man die Handgelenke überstrecken! Wenn die Bewegung zum idealen Men unterwegs durch die Größe des Motodachi unterbrochen wird, hat das Shinai einen etwas steileren Winkel und trifft eben das Men-Gitter. (Vergleiche Exkurs über Jogeburi).

Wir kleinen Leut müssen halt öfter das Shinai kontrollieren, weil sich die Splittergefahr dadurch erhöht.

Kote

Die Distanz ist fürs rechte Bein kürzer, drum muss man schneller schlagen und das linke Bein muss schneller nachkommen! Genau in der Mitte schlagen! Die Kraft muss etwas mehr in die Spitze, drum die Handgelenke etwas strecken – das bewirkt auch, dass man über die Tsuba drüberkommt. Beim Zanshin bleibt das Shinai idealerweise in der Mitte oder geht leicht nach links, erst für ein Tsubazeriai nach rechts wechseln! Auch hier gilt: beim Zanshin schnell rein!

Kote-Men

Beide Schäle müssen korrekt sein. 40-60 in der Energie-Verteilung, aber idealerweise 100-100 😉 Linker Fuß muss schnell nachkommen. Kote angreifen – wenn das kein Ippon wurde, oder der Gegner stark destabilisiert wurde, Men nachsetzen.

Do

Man muss weit reingehen, um das Do korrekt zu treffen. Wenn man zu früh zur Seite geht, kann man nicht korrekt treffen. Man muss nach starkem Seme genau nach vorne schlagen, beim Zanshin muss das Shinai möglichst lange an der (korrekten) Trefferstelle bleiben.

Tsuki

Handgelenke strecken. Beim Zanshin nicht zurückgehen, der linke Fuß muss schnell nachkommen. Das heißt, dass der Tshuki so stark sein muss, dass man sich Platz dafür schafft. Wenn man nicht getroffen hat, entschuldigt man sich halt. Wenn das Kamae des Gegners stark ist, Shinai beim Tsuki gegen den Uhrzeigersinn drehen.

Hikiwaza:

Tsubazeriai ist Tsuba an Tsuba, nicht Faust an Faust.

Hikimen: klein ausholen, aufs Mengane zielen, ein leichter Sayumen nach rechts erleichtert die Sache – ausholen trotzdem in die Mitte, aber nicht zu groß. Wenn der Gegner nach rechts drückt, Kaeshi-Sayumen nach links.

Hiki-Do: Seme: Shinai senkrecht nach oben, Gegner glaubt Men à Do. Shinai muss wegspringen, erst nach Zanshin in die Mitte nehmen.

Taiatari: In der Praxis sehr unwahrscheinlich – wenn der Men gut war, geht man durch, wenn er schlecht war, ist es schwer, die Hände rechtzeitig nach unten zu bringen – Sueno Sensei meint, dass Taiatari-Hiki nur geübt wird, um die Hüften zu stärken…

 

Ja, und dann hab ich  mich in den Zug gesetzt – die Arbeit rief – und die beneidet, die noch bleiben durften. Aber ich habe gehört, dass Doris uns noch die letzten zwei Tage zusammenfassen wird. Ein bisschen ist schon durchgesickert: Es gab wieder einen Vortrag über die „Pyramide der Schmerzen“ ©Stefan Gruber 😉