Kitamoto Day 8: Aus drei mach vier (Epilog)

Der Tag der Danprüfung. Mein Wecker war auf 6:00 eingestellt, ich bin aber trotzdem um 5:30 aufgewacht. Offenbar haben mich die Morgen-Keikos konditioniert. Ich hätte heute zwar wieder die Chance auf eines mit Lavigne und Kato gehabt, aber nach dem Beinproblem gestern hab ich darauf verzichtet. Von 6:30 bis 7:30 sollten wir unsere Zimmer zusammenräumen, Frühstück war für 8:00 angesetzt. Unser Zimmer war um 6:20 bereits mit allem komplett fertig. Die eineinhalbstündige Warterei war fürchterlich.

Von acht verbliebenen (Patrick aus Belgien war bereits um 5:00 abgereist, um rechtzeitig noch zum Kendo-Seminar in Amsterdam zu kommen, der Verrückte) traten heute fünf zur Danprüfung an. Ich und Mark aus Budapest zum vierten, die beiden russischen Alex‘ zum fünften und Stefano zum sechsten. Dementsprechend war auch die Stimmung im Zimmer. Die täglichen Späße und Blödeleien waren auf ein Minimum reduziert. Alle fieberten 9:00 entgegen, dem angesetzten Termin für die Prüfung.

Das letzte Frühstück hatte ein bisschen was von einer Henkersmahlzeit. Es war gut, wie immer, aber alle waren einfach zu aufgeregt, um auch nur einen Bissen wirklich runterzukriegen. Ich quälte mich trotzdem durch zwei Brötchen, ein halbes Omelett, einen Happen Fisch und würgte noch eine Banane hinunter. Das letzte, was ich wollte, war Energiemangel mitten im Prüfungskampf. Alex Glushko dürfte ähnliche Gedanken gehabt haben. Seine Frühstücksbox war so gut wie leer. Seine üblichen Herumblödeleien blieben heute aus. Mark rührte sein Essen kaum an.

Zurück im Dojo erwarteten uns viele adrett gekleidete Japaner, inklusive einige der Senseis. Endlich etwas zu tun! Die nutzlose Warterei im Zimmer war eine Qual, dagegen war es eine Wohltat endlich wieder ein Shinai in die Hand nehmen zu können. Ich stellte mich vor den Spiegel, prüfte meine Haltung und übte ein paar Schläge, wärmte mich auf, machte ein paar Men mit Fumikomi. Im Kopf ging ich unzählige Kampfsituationen durch, überlegte mir Techniken. Im Endeffekt kam aber alles auf einen Punkt zurück: Schnell und gerade angreifen, wie mir alle Senseis in den letzten Tagen eingetrichtert haben. Keine Zurückhaltung. „Wenn du nicht triffst, triffst du nicht, aber du darfst nicht passiv sein!“, kamen mir die Worte von Hayashi-Sensei wieder in den Sinn.

9:00 kam und ging. Von den Prüfern keine Spur. Langsam begann sich Unruhe breitzumachen. Im Endeffekt sollte es 9:30 werden. Ich war dankenswerterweise der erste. Das habe ich am liebsten, keine Zeit, um mich zusätzlich nervös zu machen. Einfach rein und Vollgas geben. Meine Gegner waren, wie ich mir dachte, der Montenegriner und einer der Finnen, Häyrynen. Letzteren hatte ich tags zuvor im Mawari-Geiko und konnte viele seiner Kote mit Oji-Waza in einen Men verwandeln. Während wir diesmal kämpften, probierte er so gut wie kein einziges Kote. Stattdessen versuchte er mehrere Kaeshi-Do. Zum Glück traf aber konnte ich mich beim Men schnell genug nach vorne katapultieren, dass seine Do daneben gingen – zumindest hatte ich das Gefühl. Gegen den Mann aus Montenegro, der fast so groß wie ich ist, ging es auch ganz gut. Mehrere Debana-Men gelangen und einmal sogar ein Kaeshi-Do. Was mich verblüffte, weil ich sonst so gut wie nie Do schlage. In dem Moment konnte ich irgendwie nicht anders. Es passierte einfach.

Ich kam aus beiden Kämpfen mit einem guten Gefühl raus. Ich konnte jeweils die Ruhe bewahren und hatte gegeben, was ging. Mehr wäre einfach nicht drin gewesen. Wenn sie mich durchfliegen lassen würden, wäre das für mich okay gewesen in diesem Moment. Nach den Kämpfen begann die lange Warterei. Insgesamt zehn Yohon-Dan-Hoffnungsträger, fünf Anwärter auf Go-Dan und neun Roku-Dan-Prüflinge mussten ihre Kämpfe noch absolvieren.

Banges Warten auf die Ergebnisse

Während sich die Delegation der Prüfer, die übrigens bis auf einen allesamt keinen einzigen Tag des Seminars besucht hatten, also wirklich neutral waren, zurückzogen, wurde ausgewertet. Zum Schluss kamen Kurose-Sensei und Hayashi-Sensei mit einem großen Whiteboard daher, auf dessen Rückseite die Nummern derer standen, die zur Kata zugelassen wurden. Ich war 401-A, Mark war 401-C. Die Russen waren 501-A und 501-D. Stefano war 603-C. Wer von unserem Zimmer würde es geschafft haben? Wer würde Kata machen dürfen? Der Knoten im Magen, den ich bereits verschwunden geglaubt hatte, kam wieder.

401-A. Gleich am Anfang. Ich hatte die erste Runde geschafft. Jetzt standen nur noch die Kata und die Bewertung der Fragen, die wir im Vorfeld einreichen sollten, im Weg. Für erstere wurde ich mit Milutan aus Montenegro gepaart. Das traf sich insofern gut, da ich mit ihm die ganze Woche gemeinsam geübt hatte. Wir waren gleich die erste Paarung von drei, die direkt vor den Prüfern die Kata durchführen durften. Kurz gesagt: Es lief alles reibungslos. Neben mir verbockte Frode als Shidachi die siebte Kata. Dennoch nickten die Prüfer bei unserem Abgrüßen wohlwollend. Ein ungewöhnliches Zeichen der Zustimmung einer Kommission.

Das war, bevor ich beim Zurückgehen beinahe über mein eigenes Kodachi gestolpert bin. Eine Mischung aus Schreck und Ärger schoss durch mich hindurch. Ich unterdrückte einen Fluch und versuchte so würdevoll wie möglich das Kurzschwert wieder in Position zu bringen und korrekt hochzunehmen. Frode und ich bangen beide um die Ergebnisse der Prüfung. Hayashi-Sensei befiehlt uns, noch eine Weile zu warten, da die eingereichten Antworten noch bewertet würden. Könnte jemand von uns bei der Kata oder bei den Fragen durchfliegen? Mehrere Teilnehmer versuchen uns zu beruhigen. Wer die Kämpfe übersteht, schafft den Dan, sagen sie unisono. Ich erinnere mich dennoch an meine Prüfung zum zweiten Dan in Bern, wo eine einzige Person bei den dritten Dans die Kämpfe überstand und dann bei der Kata durchfiel.

Aber umsonst gesorgt. Alle, die aus den Kämpfen aufgestiegen sind, schafften auch die Kata. Breites Grinsen und fröhliche Gesichter überall. Auch Vladimir aus Lettland konnte seine Verletzung für die zwei Kämpfe niederringen und überzeigende Matches und eine gute Kata hinlegen, was mich persönlich sehr freut. Mark ging es leider nicht so gut, und von den anderen Zimmerkollegen konnte nur Alex Glushko seinen fünften Dan schaffen.
Mehrere Teilnehmer, die einfach nur zugesehen haben, kommen zu mir, schütteln mir enthusiastisch die Hand, manche umarmen mich. Mein Anreise-Kumpel Einstein steht vor mir und bedankt sich bei mir für mein „Herz“, das ich gezeigt habe. Ich bin verwirrt, freie mich aber. Und auf einmal steht Kato-Sensei mit einem breiten Lächeln da und gratuliert mir. Ich danke ihm für die Morgentrainings, die mir garantiert sehr geholfen haben. Ich schnappe meine Geldbörse und bereite die 6.300 Yen für die Registrierung vor. Selten habe ich so gern Geld ausgegeben. Auf dem Weg zum Kassier begegne ich Hayashi-Sensei. Er fragt mich: „Did you pass?“ und als ich bejahe, macht sich ein großes Lächeln auf seinem Gesicht breit. „Yes, you were looking good“, kommentiert er und schüttelt ebenfalls meine Hand.

Drei Säulen für gutes Kendo-Training

Das war‘s. Ich habe meinen vierten Dan. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich ihn ohne dieses Seminar geschafft hätte. Die Gelegenheit, mit dermaßen vielen unterschiedlichen Kendoka und Senseis trainieren zu können, ist wirklich einmalig. Hinzu kamen die Frühtrainings um 6:00 mit Lavigne, Kato und einmal auch Miyasaka, bei denen besonderer Wert auf schöne, gerade Techniken und druckvolles Angreifen gelegt wurde. Ich glaube, das hat mir extrem geholfen. Sato-Sensei hatte ziemlich zu Beginn des Seminars gesagt, um wirklich voranzukommen im Kendo, benötigt man drei Dinge: Die richtige Umgebung, die richtigen Lehrer und die richtigen Trainingspartner. Er hatte recht.

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