Kitamoto Day 2: Good Vibrations

Der zweite Tag war eindeutig besser als der erste. Und das, obwohl wir drei Trainingseinheiten hatten. Die Hälfte des Tages stand das Bokuto im Mittelpunkt. Eine Stunde lang beim Morgentraining ging es um die Kihon Kata. Während mir aufgrund unseres heimischen Trainings schon vieles davon bekannt war, betraten einige, etwa meine belgischen Zimmerkollegen, hier Neuland. Daher wurde erst einmal viel erklärt, bevor wir loslegen konnten. Im Endeffekt nahmen wir unter der Führung von Kakehashi-Sensei, 8. Dan Hanshi, die erste bis vierte Form durch.

Im Anschluss betrat eine Kindergruppe das (sehr schöne) Dojo. Man kann sich das als Europäer nur schwer vorstellen, dass auf einmal rund 40 Volksschulkinder und 20 Teenager in voller Kendo-Montur eintreten und Vollgas zu trainieren beginnen. Interessanterweise ist ihr Reiho deutlich unterschiedlich von unserem. Beim Shomeni-Rei klatschen die Kinder ihre Hände viermal aneinander und sagen mehrere Sprüchlein auf. Wirkt deutlich feierlicher als bei uns. Und dann ging es auch schon los mit dem Training, mit einem Kiai, bei dem sich etliche unserer ausgewachsenen Kendoka in Österreich noch ein paar Scheiben abschneiden können! Von der Geschwindigkeit ganz zu schweigen.

Nochmal zurück zu den Zimmerkollegen. Wir schlafen in großen Sälen, mit je 9 Personen pro Zimmer. Je zwei Räume sind aber nur mit einem Vorhang abgeteilt, insofern sind es eher 18 Personen pro Zimmer. Ich bin froh, dass ich meine Ohropax mithabe. Neben den beiden Belgiern sind mit mir noch je zwei Russen, Ungarn und Italiener eingeteilt. Bei den Ungarn handelt es sich um alte Bekannte, Mark Matus und Istvan Kocsis – nach ein paar Jahren kennt man seine Nachbarn. Jedes Zimmer übernimmt pro Tag eine Aufgabe: Vom Dojo-Aufwischen bis zum oben erwähnten Kloputzen ist alles dabei. Wir haben den seriös wirkenden älteren Belgier zum Zimmerchef gewählt. Ich bin froh darüber, denn ich hab mir vorgenommen, mich dieses Seminar nur auf mich und mein Kendo konzentrieren zu wollen.

Nach der Kihon-Bokuto-Session gab es ein oppulentes Frühstück. Miso-Suppe, Eierspeis mit Tomaten und Speck, drei Stück Brot, eine Grapefruit, Hühnchen, Salat und Kartoffelpuffer. Genug Power also, um eine Stunde später volle Kraft voraus in die Nihon-Kendo-Kata zu starten. Sato-Sensei führte durch die Stunde und war gleich ganz in Weiß gekleidet. Allzu viel Neues gab es leider nicht zu hören, aber immerhin konnten wir die Langschwert-Katas unter Beaufsichtigung durchnehmen.

Im Anschluss gab es Kihon-Übungen mit Ishizuka-Sensei, ebenfalls 8. Dan Hanshi. Men, Kote, Do und Tsuki wurden in Rüstung geübt. Dabei wurde viel Wert auf die richtige Schnitttechnik gelegt. Etwa, dass man Kote nicht einfach nur berühren soll. Oder dass man Do wie bei der Grundübung mit Bokuto gerade schlagen soll. Tsuki war etwas anders, als wir es bisher geübt hatten. Ich bilde mir ein, mich zu erinnern, dass Sueno-Sensei bei seinem ersten Seminar gesagt hatte, die Energie soll in die Spitze, weswegen man das Shinai eher in einer Nobi-te-Haltung haben sollte. Ishizuka dagegen will, dass man das Shinai wie mit einer kleinen Schnittbewegung auf die Trefferfläche zubewegt. Etwas ungewöhnlich. Mein Partner war Mark Miyamoto, ein netter Kerl aus Hawaii mit japanischen Wurzeln. Nach der Korrektur durch Ishizuka traf er weniger Tsuki als davor, aber das ist wohl Gewöhnungssache. Er will wie ich am Freitag zur Danprüfung antreten, allerdings zum sechsten Dan.

Russisches Chaos-Kendo

Nach einem ebenfalls reichhaltigen und wohlschmeckenden Mittagessen (diesmal mit Soba, Frühlingsrollen und Dingen, deren Namen ich nicht weiß, die aber gut schmeckten) ging es ans Shiai-Training. Kakehashi-Sensei ging die Grundlagen des Shinpanierens durch und wir mussten uns nachher in Dreier-Teams aufstellen und ein paar Situationen durchspielen. Besonderen Spaß verbreitete einer meiner russischen Zimmerkollegen, Alex Glushko. Er machte (absichtlich?) unglaublich falsches Kendo und rannte wie ein Berserker auf sein französisches Gegenüber zu. Dieser spielte mit uns führte seinerseits Kuriositäten auf. Ob die Senseis das sonderlich lustig fangen, kann ich nicht sagen, die Teilnehmer applaudierten jedenfalls und lachten über die Showeinlage. Alex wollte wohl eine Situation auf die Spitze treiben, wo ein Kämpfer nicht in korrekter Form kämpft. Die Senseis mussten dann auch zugeben, dass es für derartiges Verhalten kaum Regeln gibt.

Anschließend war Fußarbeit angesagt. Ishizuka-Sensei war nicht allzu glücklich über unser mangelndes Ki-Ken-Tai-Ichi, daher wurden etliche Längen nur mit Fumikomi aber ohne Schlagbewegungen gemacht. Der Boden vibrierte, nein bebte regelrecht unter den unzähligen Stampfschritten. Ein sehr merkwürdiger Boden, muss ich übrigens sagen. Steht man still, picken die Füße fest. Ist man in Bewegung, wird er auf einmal recht rutschig. Auf jeden Fall federt er unheimlich schön, weshalb es eine Freude ist, darauf Fußtechnik zu machen. Üblicherweise trage ich einen Fersenschutz, aber diesmal war er nicht nötig. Nennenswerte Schmerzen gibt es bisher nicht zu vermelden. Solche Böden kann man sich in Österreich nur wünschen. Die Reihen für die Fußarbeit wurden nach Zimmern sortiert, ebenso die Uchikomi-Gruppen für die anschließende Übung.

Zu guter letzt gab es wieder Ji-Geiko mit den Senseis. Ich konnte mir den Men schnell genug anziehen um als Erster bei Sato-Sensei anzustehen. Der Kampf war heute noch interessanter als gestern, einmal gelang mir sogar so etwas wie ein Men, worauf er grinsend nickte und etwas auf Japanisch sagte. Danach schaffte ich es noch zu Tanaka-Sensei (auch 8. Dan, aber „nur“ Kyoshi) und Lavigne-Sensei, der für Ippon-Shobu in Jodan wechselte. Er war der einzige, der mir nachher noch Tipps gab, da er auch als Übersetzer eingesetzt wird und neben Japanisch auch Französisch und Englisch beherrscht. Wie ich schon so oft gehört habe, sollte ich größere Techniken machen, beziehungsweise meine Größe nutzen. Tja. Mal schauen, ob ich das irgendwie umsetzen kann bis zum nächsten Freitag. Da steht nämlich meine Prüfung zum 4. Dan an.

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