Shimpan-Seminar: Von Fallbeilen und Schiedsrichtern

Vom 4. bis 6. Februar lud die European Kendo Federation (EKF) zum alljährlichen Seminar für Kendo-Schiedsrichter. Leider schafften es von unserem Verein nur ich und Oliver, hinzufahren. Denn damit die Shimpan etwas zum shimpanieren haben, benötigen sie vor allem eines: viele Kämpfer. Ideal also, um Kampferfahrung zu sammeln, besonders gegen unbekannte Gegner. Ich kam mit neuen Erfahrungen, einer Nackenprellung und einer Schürfwunde heim, Oliver mit einem neuen Bogubag und einem Shinai weniger. Doch dazu später.

Gleich drei 8. Dan Hanshi aus Japan sorgten für den geregelten Ablauf des Seminars. Davon hatte einer aber leider nur eine beobachtende Funktion und nahm nicht an den abschließenden Ji-Geikos teil. Die geschätzt 100 Teilnehmer (exklusive Kämpfer!) wurden in zwei Gruppen eingeteilt: Diejenigen, die vielleicht dazu auserwählt werden, um bei der Kendo-Europameisterschaft in Brüssel zu schiedsen und jene, die einfach mehr über die Materie lernen wollten. Für uns gab es viele bekannte Gesichter zu sehen, so etwa Jan Cilek und Jindrich Ziegelheim aus Tschechien, und Zsolt Vadadi aus Ungarn. Kamemoto-Sensei war ebenfalls vor Ort und war auf der Fläche der EM-Anwärter aktiv. Zu den erst unbekannten und jetzt bekannten Gesichtern zählte auch unser freundlicher Zimmergenosse aus Litauen (der aber in London lebt).Nakata-Sensei erklärt Details

Letztere kamen in den Genuss, enorm viel über Shiai durch Nakata-Sensei erklärt zu bekommen. Für die Kendoka auf der Kampffläche gab es daher leider recht lange Wartezeiten. Ganz anders sah das bei den potenziellen EM-Shimpan aus. Auch hier erklärte Nishide-Sensei einiges, allerdings wurde deutlich öfter gekämpft. Um das zu veranschaulichen: Während Oliver am letzten Tag auf der B-Fläche einmal drankam, konnte ich vier Kämpfe auf Shiai-Jo A absolvieren. Mir war das nur recht, denn für mich ging es auch um etwas ganz spezifisches: Nächste Woche hoffe ich, im Rahmen des IBU-Besuchs endlich meinen vierten Dan schaffen zu können. Beim letzten Mal, als ich es auf der EM 2010 in Debrecen probiert hatte, ging das ganze ja gewaltig in die Hose.

Teure 15 Minuten

Eines lässt sich über Brüssel übrigens sagen: Es ist schweineteuer. Das Taxi vom Flughafen zur Herberge kostete uns 41 Euro – für 15 Minuten Fahrzeit. Auch die Getränke und das Essen waren nicht unbedingt als billig zu bezeichnen. Dafür war die Übernachtung mit 25 Euro im Rahmen, dafür aber auch in einem Rohbau mit Russenlustern und fehlenden Heizkörpern in den Gängen. Aber sowas ist einem nach einem langen Seminar ziemlich schnurz. Denn am Abend fällt man nur noch K.O. ins Bett und zählt seine Blessuren. Zwei waren es diesmal bei mir. Einmal hat mir ein Spanier dermaßen fest auf den Hals gedroschen, dass ich kurzzeitig gedacht habe, er wollte mich nicht nur enthaupten, sondern gleich entzwei schneiden. Und weil ein Shinai stumpf ist, benötigt man dazu ja mehr Kraft. Zugegeben, ich hab den Kopf weggezogen, um keinen Men zu kassieren, aber ungefähr so muss es sich unter einem Fallbeil anfühlen.

Meinen netten roten Beschleunigungsstreifen habe ich Nakata-Sensei zu verdanken. Er hat mich dankenswerterweise daran erinnert, dass man beim Men-Angriff den Kopf am Körper angezogen lassen sollte. In der halben Sekunde, bevor ich dann am Boden lag, habe ich mich kurz an den Stierkämpfer erinnern müssen, der von einem Bullen durch den Kiefer aufgespießt wurde. Der Rest war typisch beeindruckendes Sensei-Kendo. Egal, was ich gemacht habe, Nakata-Sensei hatte bereits die passende Gegentechnik parat. An Durchkommen war nicht zu denken. Meine Hoffnungen auf den 4. Dan begannen zu wackeln. Etwas besser (und weniger schmerzhaft) lief es tags drauf bei Nishide-Sensei, der wiederum einen ganz anderen Stil an den Tag legte, aber mir trotzdem keinen einzigen Punkt ermöglichte. Ganz im Gegensatz zu Oliver, der vor mir dran war und ihn zwei Mal sehr gut treffen konnte. Das gab auch ein anerkennendes Nicken und Grunzen des 8. Dan – wobei ich glaube, Oli war zu sehr damit beschäftigt, wieder anzugreifen, um das zu bemerken.

Vor der Abreise gönnte sich Oliver noch einen neuen Bogubag beim improvisierten Kendoshop. Jeder, der ihn und seinen alten Bogubag kennt, wird wissen, dass das bitter nötig war! Dafür war er um ein Shinai ärmer, als es an die Abreise ging. Es war schlicht und einfach nach dem Training nicht mehr auffindbar. Ich will jetzt wirklich nicht den Lehrer Lämpel mit erhobenem Zingefeiger spielen, aber es ist schon praktisch, wenn man seine Shinais irgendwie wiedererkennbar kennzeichnet. Wobei ich jetzt nicht so sehr der Freund von einem „Death from Above“ auf dem Nakayui bin – auch wenn ich das sehr kreativ und witzig finde!

Wie auch immer, es war eine hochinteressante Erfahrung und eine schöne Gelegenheit alte Bekannte wiederzusehen und neue Freundschaften zu schließen. Es kann nur allen in Rüstung ans Herz gelegt werden, sich einmal außerhalb unserer Wiener Monokultur zu bewegen. Denn nur so kann man wirklich lernen, sich auf unbekannte Gegner einzustellen. Wenn das Geschreibsel hier anderen Leuten Lust macht, nächstes Jahr hinzufahren, dann wär das ja schonmal was!

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