Kangeiko – Training in der kalten Jahreszeit

Der Deutsche Kendobund veranstaltet schon seit vielen Jahren das Kangeiko in Lindow in der Nähe von Berlin. Anwesend mindestens drei japanische Senseis, das Who is Who des deutschen Kendo und Gäste aus dem Ausland. Darunter meine Wenigkeit.

 

Ich schließe mich immer der Gruppe „Breitensport“ an… In zwei weiteren Hallen trainieren die Jugendlichen mit einem Sensei, sowie das Deutsche Nationalteam und weitere starke Kendoka aus Deutschland und dem Ausland mit dem jeweiligen Bundestrainier, der von Japan geschickt wird.

„Training unter schwierigen Bedingungen“ – und dadurch stärker werden. Das ist laut Sato-Sensei das Ziel jeden Kangeikos.

Training unter schwierigen Bedingungen – Hhm. Kann man sagen. Die Air Berlin hatte nämlich mein Gepäck verschustert. Erst hab ich stundenland in Tegel die Formalitäten erledigt („Na, ich glaub nicht, dass das so schnell geht – wir suchen über 4000 Gepäckstücke!“…), dann bin ich leicht geschockt nach Lindow weiter gereist. Das Dorf liegt etwa eineinhalb Stunden von Berlin entfernt, und die Sportschule noch ein Stück außerhalb – in tief verschneiter Landschaft, wo sich die Füchse Gute Nacht sagen.

Nach Begrüßen der alten Bekannten hab ich mein Zimmer bezogen: es gab ja nichts zum Auspacken, ich hatte nur das Gewand, das ich anhatte, und die Shinaitasche. Freunde und Freundinnen versorgten mich dann mit Reserveteilen (Großes Rätselraten – wie kommt die Österreicherin zum Vintage-Trainingsanzug des DKenB???!).

In geborgtem Hakama und Keikogi fand ich mich am nächsten Morgen zum Frühtraining ein. Diesmal hat Sato-Sensei in der Früh immer Kata unterrichtet. (In den Jahren davor gab’s vor allem Mawarigeiko oder Jigeiko.) Nach dem Frühstück waren immer Grundtechniken mit Bokuto (Bokuto ni yoru Kendo kihon waza keiko ho) am Programm, danach Shinai-Kendo, am Nachmittag Kendo-Kata und Mawarigeiko/Jigeiko.

Wobei Sato-Sensei aus den Bokuto-Übungen immer einem Aspekt herausgeholt hat, den mit mehreren Kata in Beziehung brachte. Erste Annäherung war beispielsweise die Frage: Warum wurde ich beim Jigeiko oder Shiai getroffen – wann habe ich selbst punkten können? Ausgehend von der Beobachtung, dass die Position der Schwertspitze ausschlaggebend ist, haben wir die erste Kata geübt: Mit Druck in den Abstand reingehen. Schwertspitze des Gegners senkt sich – Men. Hebt sich – Kote. Linke Faust des Gegners hebt sich – Do. Spitze senkt sich – Tsuki. Dabei kann man üben, den Gegner zu lesen, um sofort angreifen zu können.

Neutralisieren

Die nächste Übung war, den Angriff des Gegners zu neutralisieren: zB durch Ausweichen (nuki). Nachdem wir kurz die Beinarbeit und das Timing („Man muss den „Schwertwind“ spüren…) isoliert geübt hatten, gingen wir zur angewandten Technik über: Men nuki Men, Beinarbeit nach hinten (1. Kata) oder zur Seite. Kote nuki Kote (2. Kata). Men nuki Do (5. Kata der Bokuto-Übungen.)

Der nächste Block: Das Schwert des Gegners mit dem Shinogi abfangen – erst isoliert geübt, dann angewandt: Men Suriage Men (5. Kata), auch mit seitlicher Beinarbeit. Kote suriage Kote (6. Kata) sowie Kote suriage Men (Kihon 6). Do uchiotoshi Men (Kihon 9) mit der Variante Hiki-Do – gut im Shinaikendo zu gebrauchen. Gegen Ende des Lehrganges wurden die zu den Bokuto-Übungen gehörenden Techniken aus diesem Angebot herausgehoben und in der richtigen Reihenfolge geübt.

Die Bokuto-Übungen dauerten jeweils fast eineinhalb Stunden, und nach zehn Minuten Pause ging’s dann in der Rüstung weiter. Wobei ich fast immer das Glück hatte, mir von Kolleginnen, die grad aussetzten, zB wegen Kinderbetreuung, die Rüstung ausborgen zu dürfen. Wir haben in der verbleibenden Stunde hauptsächlich Mawarigeiko und Jigeiko gemacht. Nur am ersten Tag gab’s eine Runde mit Grundtechnik und Uchikomi – die ich ohne Rüstung absolviert habe – und am letzen Tag wurden die mit Bokuto geübten Techniken in der Rüstung umgesetzt (da hatte ich zufällig auch eine).

Ende gut, alles gut

Dazwischen bin ich immer mit hoffnungsvollem Gesicht zur Rezeption gegangen, wurde aber jedes Mal mit traurigem Kopfschütteln empfangen: Die Damen waren so nett, bei jeder Gelegenheit bei Air Berlin anzurufen – war immer besetzt – und im Internet nachzuschaun (Gepäck 1 Status: SUCHE DAUERT AN). Erst am letzten Tag, nach dem Mittagessen, klopfte es plötzlich an meiner Tür: „Ich hab eine Überraschung für Sie!“ – die tiefgekühlte Kendo-Tasche. Ende gut, alles gut. [Anm. von Daniel: Und wie gut auch noch: Was Beatrix hier allen verschweigt, ist, dass sie (endlich in ihrer eigenen Ausrüstung) in Lindow die Prüfung zum 3. Dan geschafft hat! Wir gratulieren recht herzlich!!!]

Am letzten Nachmittag finden Prüfungen und das traditionelle Ländermatch „Deutschland vs. Alle“ der Neigungsgruppe Kader statt. Die Zuschauer machen sich’s mit dem legendären Milchkaffee aus der Cafeteria auf er Tribüne gemütlich. Nach einer ausgelassenen Sayonara-Party – der Speisesaal ist schon für die Silvesterfeier der Sportschule dekoriert, und der DJ probiert an/für uns die Anlage aus – geht’s zum letzten Asageiko. Jigeiko, Verabschiedungen, Neujahrswünsche. Bis zum nächsten Jahr!