Anfängerkurs-Bericht Teil 9: Getting the Blues

Dienstag Abend war ich nicht mehr in der Lage, die Hände auf meine Tastatur zu heben. Aber dazu später…

Ich schreibe das hier direkt auf die Kenshikan-Seite und merke wieder mal, was ich für ein Gewohnheitstier bin. Schreiben=Erzählen=Mail, dabei fühle ich mich in – ahem – metaphysischer Weise mit den Adressaten meiner Mails direkt verbunden. Mit so einer Verbindung muss ich die Umgebung hier erst belegen. Keine Ahnung, ob das wer nachvollziehen kann…..

Aber – das nur nebenbei. Es geht um Kendo. Und darum haben mich die Mädels am Dienstag erstmals (O-Ton Beatrix) in die Hakama hineingebeutelt

 

 

Der (das?) Gi ist ja kein Problem, ich trag so ähnliche, mit Bändern geschlossene Teile auch im „Zivil“, und dass die Masche waagerecht stehen soll, das wusste ich auch schon.

Aber die (das?der?) Hakama – vier Bänder, zwei lang, zwei kurz, wohin damit? Vorne und hinten kann ich unterscheiden, aber was tu ich mit dem „Schuhlöffel“?

Alles halb so wild. Das Teil war ja eigentlich so etwas wie Alltagskleidung, also ist nichts daran Firlefanz. Linkes Bein steigt zuerst hinein.  Die langen Bänder zwei mal umgebunden und fest verknotet, den Schuhlöffel durchgezogen, dann mit den beiden kurzen Bändern die Rückseite fixieren, die Enden so verstauen, dass nichts hängt oder flattert – und plötzlich hab ich ein völlig anderes Körpergefühl.

Ich hab das mit meiner Freundin K. besprochen – auf einmal spürt man das Hara. Die Kleidung betontdie Körpermitte und zwar nicht nur optisch sondern auch taktil (haptisch? sensuell?). Interessante Erfahrung für uns kopfgesteuerte Mitteleuropäer. Ich mag meine Gymnastikkleidung, aber als ich diesmal den Dojo betrete, ist es was anderes. Es fühlt sich – richtig – an. Und ich komme mir mit einem Mal auch nicht mehr so schief vor (ob Helmut das auch so sieht, ist eine andere Sache….). Die Kleidung sitzt am Körper ohne zu verrutschen (ok, ein bissl) und passt genau zu dem, was wir hier machen (was wunder…..).

Nachdem mir also die beiden Mädels hilfreich zur Seite gestanden sind, gehe ich mal hinaus und stelle mich Daniels prüfendem Blick – er scheint zufrieden, zeigt mir noch, dass die Bänder (um das Zwerchfell zu stützen) „unter die Wampe“ gehören (kein Problem 😉 und zupft mir die Falten zurecht. Und dann passt das.

Ich muss gestehen – es hat mir gefallen, wenn die hereintrudelnden Rookies Augen gemacht haben … wir sind jetzt drei, die blau tragen, „Bunte in blau“ wie Mischa uns nannte, und der eine oder andere gab so was wie ein „na dann wird´s jetzt wohl  auch Zeit“ von sich.

Training. Aufwärmen. Mischa heizt uns ordentlich ein. Bin immer wieder erstaunt, wie schnell mir warm wird – vor allem, wie warm mein Füße sind/bleiben trotz des Barfuss-seins.

Helmut übernimmt uns und ab da verschwimmt meine Erinnerung. Wie hier schon öfters erwähnt verschwinden die störenden Gedanken und machen einer der Konzentration sehr förderlichen Leere Platz. Die kurzfristig von der Erkenntnis unterbrochen wird, dass ich mir kein Handtuch mitgenommen habe und angesichts des über meinen Rücken strömenden Schweißes eine Dusche unumgänglich sein wird. Ich weiß nicht, ob sich wer vorstellen kann, wie sehr einem ein solches „Problem“ irritieren kann – ich hatte wirklich zu kämpfen mich auf das zu konzentrieren, was ich eigentlich tun wollte (Fusstechnik üben), wusste aber, dass ich die Sache entweder verdrängen oder eine Lösung finden musste – und weil ich lösungsorientiert bin, hab ich auch auch schnell eine gefunden – Gi=Baumwolle=Handtuch (und es hat wunderbar funktioniert…!) – und konnte mich wieder auf´s Training konzentrieren. Zum Beispiel auf den Fumikomiashi, dessen Mechanik ich nun danke Helmuts Erklärung glaube verstanden zu haben – jetzt muss ich ihn nur mehr in meinen Körper hineinprogrammieren.

Helmuts Lehransatz (in meiner Interpretation!) ist der, dass uns Erschöpfung von unseren erlernten Blockaden befreit und unweigerlich dazu führt, dass wir gedankenlos nur mehr „tun“ und zwar das richtige. Es scheint zu funktionieren, belegen kann ich es noch nicht, eben deshalb weil ich keinerlei bewusste Erinnerung habe (und weil ich ehrlichgestanden immer noch tiefe Zweifel an mir selbst hege – aber das kriegen die Senseis sicher hin….) –

So wie Daniel, der die zweite Hälfte des Trainings mit uns weitermacht, Partnerübungen (Zeit, hier mal ein Glossar anzulegen) – was mir sehr gut gefällt, man gewöhnt sich so sehr schnell daran, ein Gegenüber zu haben, und weil wir dann schon so ausgekühlt sind, 50 Choyaku suburi und als wir dachten, wah, geschafft, wir sind gut, muss wieder wer quatschen und pardauz – wenn noch soviel Kondition da ist – 100 Stück. Und es geht (die hätten wir wahrscheinlich auch gemacht, wenn es mucksmäuschenstill gewesen wäre….). Wenn ich mir auch den Kiai spare – ja ich geb´s zu, ich hab mich nicht getraut, ans Limit zu gehen. Das nächste mal dann…..tja…..und noch mal 30 Stück (diesmal mit Kiai). Und weil´s dann eh schon egal ist und 200 eine schöne Zahl – 20 – gebt alles – und es macht sogar Freude, auch wenn ich meine, mein Kopf zerspringt, und tatsächlich – wenn man lauter schreit, geht´s sogar besser…..*hustkeuchhust*

Keuchend stellen wir uns in zwei Reihen auf, Schlussmeditation, Atem beruhigen, die bauschige Hakama verstärkt noch den Eindruck des sich-auf-der-Erde-sammelns (ich weiß, das ist schon sehr transzendent, aber ich erlebe das wirklich so ;-))

Daniel ruft uns beim Meditieren noch einmal einiges ins Gedächtnis, was genau, weiß ich nicht mehr, aber ich hoffe, mein Körpergedächtnis hat es gespeichert.

Aber das mit der Weihnachtsfeier hab ich mir gemerkt 😉

Würdevoll Aufrappeln, den Dojo beim hinausgehen grüßen, unter der Dusche zerbröseln.

Umtrunk beim Wirten.

Freu mich schon auf nächste Woche.